Premiere im RRX-Netz: Hitachi und Stadlers KISS Mix kommen nach NRW

Die Aufgabenträger VRR, go.Rheinland und NWL haben gemeinsam mit der niedersächsischen LNVG das Teilnetz B des Rhein-Ruhr-Express vergeben, fünf RE-Linien mit zusammen über zehn Millionen Zugkilometern pro Jahr. Los 1 mit dem RE 2 Düsseldorf nach Osnabrück, dem RE 3 Düsseldorf nach Hamm und dem RE 45 Essen nach Münster geht an DB Regio, Los 2 mit dem RE 7 Krefeld nach Rheine und dem RE 42 Mönchengladbach nach Münster an die WestfalenBahn. Der Betrieb startet gestaffelt im Dezember 2031 und Dezember 2032, die Verträge laufen bis Dezember 2046. Der endgültige Zuschlag kann in Kürze nach einer zehntägigen Wartefrist erteilt werden.
Die eigentliche Überraschung steckt aber in den Fahrzeugen. Die Stammlinien des RRX fahren mit 84 Desiro HC von Siemens, und viele hatten erwartet, dass auch das Teilnetz B auf diesen Typ setzt. Stattdessen haben beide Betreiber Züge gewählt, die in Deutschland noch nie für den Fahrgastbetrieb bestellt wurden. DB Regio beschafft 34 vierteilige Eurocaravaggio von Hitachi mit je 370 Sitzplätzen, die europäische Variante des Doppelstocktriebzugs, den der Hersteller bereits in großer Stückzahl nach Italien liefert. Für Hitachi ist es der Einstieg in den deutschen Nahverkehrsmarkt. Die WestfalenBahn bestellt 16 sechsteilige KISS Mix von Stadler mit je 630 Sitzplätzen. Der Name ist Programm: Das neue Konzept kombiniert doppelstöckige und einstöckige Wagen in einem Zug und schafft so mehr Kapazität und flexiblere Innenräume, ohne die Züge zu verlängern. Ein ähnliches Prinzip liefert Stadler bereits mit seinen Hochkapazitätszügen nach Spanien.
Bemerkenswert ist auch das Beschaffungsmodell: Die 50 Züge werden von den Betreibern ausgewählt, aber von den NRW-Aufgabenträgern zu günstigen Kommunalkredit-Konditionen finanziert und gehen in deren Eigentum über, geplant sind 30 Jahre Einsatz auf diesen Linien. Erstmals verlangen die Aufgabenträger zudem einen verpflichtenden Ersatzteil- und Supportvertrag zwischen Betreiber und Hersteller über den gesamten Lebenszyklus. Vom einst einheitlichen RRX-System mit nur einem Fahrzeugtyp verabschiedet sich Nordrhein-Westfalen damit allerdings endgültig: Unter dem RRX-Dach fahren künftig drei verschiedene Zugfamilien von drei Herstellern. Und das hat seinen Preis. Die Einheitsflotte war einst ein Kernargument des RRX, weil ein einziger Fahrzeugtyp Ersatzteilhaltung, Werkstattkompetenz und Personalschulung bündelt und sich Züge bei Störungen oder Mehrbedarf flexibel zwischen den Linien tauschen lassen. Künftig gilt das nur noch innerhalb der jeweiligen Teilflotten: Eurocaravaggio, KISS Mix und Desiro HC lassen sich weder untereinander kuppeln noch ohne Weiteres gegeneinander austauschen, und vieles von der Instandhaltung bis zur Zulassung wird dreifach statt einfach vorgehalten. Die Aufgabenträger kaufen sich mit den neuen Typen also Kapazität und Wettbewerb, bezahlen dafür aber mit Doppelstrukturen, die der RRX eigentlich vermeiden sollte.
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Zuerst erschienen im BahnBrief vom 26. Oktober 2026.