ÖBB-Strukturreform: Gesetzentwurf fertig, Holding bekommt mehr Macht

In Österreich nimmt die ÖBB-Reform Fahrt auf: Das SPÖ-geführte Verkehrsministerium hat den Gesetzentwurf fertiggestellt und vergangene Woche an die Koalitionspartner ÖVP und NEOS zur politischen Abstimmung geschickt. Kern der Reform ist ein gesellschaftsrechtlicher Umbau: Die ÖBB-Personenverkehr AG und die Rail Cargo Group sollen in GmbHs umgewandelt werden. Damit erhält die ÖBB-Holding direkte Weisungsrechte gegenüber beiden Töchtern, die bisher als Aktiengesellschaften weitgehend eigenständig agieren konnten. Die ÖBB-Infrastruktur und die Holding selbst bleiben aus europarechtlichen Gründen Aktiengesellschaften.
Auch sonst wird kräftig umgebaut: Der Holding-Vorstand wächst von zwei auf drei Mitglieder, als dritter Kandidat gilt Infrastruktur-Vorstand Johann Pluy. Rund die Hälfte der etwa 140 GmbHs im Konzern soll operative Aufgaben an die Holding abgeben. Verkehrsminister Peter Hanke verspricht sich davon eine effizientere Konzernsteuerung, weniger Doppelstrukturen und ein verlässlicheres Angebot für Fahrgäste. Ein Sparprogramm oder Stellenabbau ist laut Ministerium nicht geplant, der Reformstart ist für das erste Quartal 2027 vorgesehen.
Eine App für alle Öffi-Tickets
Ein Baustein der Reform verdient besondere Aufmerksamkeit: der Vertrieb. Hanke sieht bei den Vertriebsgesellschaften Optimierungspotenzial und verfolgt das Ziel einer gemeinsamen Ticketplattform, über die sich Fahrten aller Anbieter und Verbünde in Österreich buchen lassen. Damit würde Österreich auf nationaler Ebene vorwegnehmen, was die EU-Kommission gerade für ganz Europa plant: Sie arbeitet an einer Verordnung für durchgängiges digitales Buchen über Anbietergrenzen hinweg, damit eine Reise mit mehreren Bahnen künftig in einem einzigen Vorgang gebucht werden kann.
Wie umkämpft das Thema ist, zeigt der Blick nach Deutschland: Dort fordert Flix seit Langem einen neutralen Vertrieb, weil der DB Navigator als faktischer Standard in der Hand des größten Wettbewerbers liegt. Dass die Sorge nicht unbegründet ist, hat das Landgericht Hamburg bereits 2023 festgestellt: Ein zeitweise voreingestellter Filter für schnelle Verbindungen hatte Flixtrain-Fahrten in der App systematisch ausgeblendet, die DB wurde zu Schadenersatz verurteilt. Eine neutrale Plattform, egal ob in Wien oder Brüssel beschlossen, würde solche Konflikte entschärfen.
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Zuerst erschienen im BahnBrief vom 26. Oktober 2026.