Gotthard-Gutachten belastet SBB

Knapp drei Jahre nach der schweren Entgleisung im Gotthard-Basistunnel im August 2023 (Schaden rund 150 Millionen Franken, eine Tunnelröhre über ein Jahr gesperrt) kommt ein neues Gutachten der Tessiner Staatsanwaltschaft zu einem brisanten Schluss: Die SBB hätte das Schlimmste verhindern können. Nach dem Bruch des Rads am elften Güterzugwagen erschienen auf den Bildschirmen der SBB-Betriebszentrale in Pollegio rund zweieinhalb Minuten vor der Entgleisung eine Reihe von Störungsmeldungen: Achszählerstörungen und ein durchgehend roter Streckenabschnitt, obwohl der Zug diesen bereits passiert hatte. Insgesamt acht Fehlermeldungen löste der Zug aus; weder das System noch das Personal erkannten die kritische Situation. Der Zug fuhr noch rund sieben Kilometer weiter, bis das herunterhängende Rad in der Multifunktionsstelle Faido die Weichenmotoren zerstörte und die Garnitur auseinanderriss.
Aus der Branche kommt deutliche Kritik. Ständerat Josef Dittli, Präsident des Branchenverbands der Güterwagenhalter, formuliert: Wenn ein Zug kilometerlang in den Tunnel hinein fahren könne und in der Zentrale Fehlermeldungen rot aufleuchten, ohne dass jemand interveniere, stimme „etwas am System nicht mehr". Auch Gewerkschaftssekretär Philipp Hadorn argumentiert, eine Notbremsung wäre die logische Folge gewesen. Die SBB weist die Vorwürfe zurück: Sprecherin Sabrina Schellenberg betont, die Systeme der Betriebszentrale überwachten nicht Züge, sondern die Infrastruktur, also nicht, ob ein Zug entgleise, sondern ob die Infrastruktur frei sei. Sicherheitsexperte Hans-Peter Vetsch, der einst das Sicherheitskonzept des Basistunnels mit ausgearbeitet hat, sieht ebenfalls keinen Fehler bei der SBB. Eine technische Achszählerstörung sei nicht als Entgleisungs-Indikator interpretierbar. Hintergrund: In zwei anderen Tunnel-Abschnitten waren Achszählerstörungen laut SBB-Bericht seit Wochen permanent angezeigt, ohne dass dies eine Gefahr für den Betrieb dargestellt hatte.
Zuerst erschienen im BahnBrief vom 18. Mai 2026.